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5 Jahre räudiges Leben, die Wucht und der Nimbus

Bloggen ist wie am Tresen stehen
mit dem besten Kumpel
und die ganze Kneipe
hört zu was es
Neues gibt

Diese Zitat stammt von Andreas Glumm. Ihr wisst nicht wer das ist? Nun, Andreas Glumm hat bewirkt, dass ich überhaupt mit dem Bloggen anfing. Eines langweiligen Tages (ich glaube es war 2005) habe ich mich nämlich mit dem Phänomen “Blog” auseinandergesetzt.

Alles was ich wusste war, dass es sich dabei um Internettagebücher handeln soll. “Will ich denn wirklich wissen wie jeder zweite Hansel seinen Tag verbringt?” fragte ich mich. Also stöberte ich einfach mal drauf los. Viel habe ich nicht erwartet. Über Google war dann auch schnell das Blogportal myblog.de ausgemacht (sah damals noch etwas Web einspunktnulliger aus). Dort konnte man sich beliebte Blogs anzeigen lassen. Ich habe mir dann die Story von einem Berliner Altpunk reingezogen, der in einem Jugendzentrum arbeitete. Leider fällt mir nicht mehr ein, wie das Blog hieß. Außerdem habe ich die Geschichten einer Hure verfolgt. Das waren einfach mal ganz andere Lebenswelten in die man da Einblick erhielt.

Irgendwann jedoch las ich einen Namen, der mir auf Anhieb nichts sagte: “500 Beine”…

Nach dem Klick fand ich mich jedoch in einer wunderbaren Ansammlung von Kurzgeschichten wieder. Dort ging es um Liebe, Drogen, Sex, die Gräfin und Frau Moll. Ich habe mir damals alle (wirklich alle) Stories reingezogen. Sogar die wiederholten Texte mit kleinen Verbesserungen.

Dieses Blog stammt vom Eingangs erwähnten Andreas Glumm. Als Ende 2006 mein Studium los ging, habe ich leider immer seltener in sein Blog geschaut. Mittlerweile habe ich sein Blog im Feedreader (nutze ich erst seit 8-9 Monaten) und lese mir die Geschichten wieder mit Genuss durch.

Das lesen dieses Blogs hat mich selber erst zum Bloggen gebracht. Ganz kurze Zeit auf myblog, dann auf blogspot (mit selbstgemachtem C64 Style) und nun per Wordpress auf meiner eigenen Domain (customize, baby).

Ich möchte mich hier noch einmal tief vor Andreas Glumms Schreibkunst verneigen und darum gibt es hier, von Andreas Glumm,  eine meiner Lieblingsstories. In Original 500Beine-Schriftart!

LET’S GET LOST – VOR 20 JAHREN

4. Juli 1985
*
Volle Pulle Hochsommer. Bin endlich mal wieder zu Hause.
Lena ruft aus Berlin an. Irgendwie gehts ihr nicht so toll. Hör ich an ihrer bedrückten Stimmlage.
Sie erzählt lange, was sie so tut und unter welchen Leuten sie ist. Sie ist so weit weg. So komisch drauf. Dann sagt sie, dass sie in den letzten Tagen hier mehrfach angerufen hat, aber ich wäre nie zu Hause gewesen.
"Ja, ich war viel unterwegs."
"Hast du bei Martina geschlafen?"
Ogott. Was jetzt? Ich zögere. Und weil ich zögere, kann ich mich nicht mehr rausreden. Dabei hätte ich es ihr lieber nach Berlin gebeichtet. Was heisst gebeichtet. Lena macht schliesslich schon lange was sie will. Trotzdem, ich fühl mich wie ein Verräter an unserer Sache, als ich zugebe, bei Martina geschlafen zu haben.
Und dann geht die Post ab.

Kommt sie drauf wie ich immer draufgekommen bin, wenn ich erfahren habe, dass sie was mit einem anderen Typ laufen hat. Ausserdem kennt sie Martina. Weiss, dass sie hübsch ist. Charme hat. Konkurrenz ist.
Ob ich verliebt bin? Ob ich sie gevögelt habe? Wie oft? Und ob ich jetzt mit ihr zusammen bin?
Die gleichen verflixten Fragen, meine gleichen genervten Antworten.
Was soll ich darauf sagen? Bin ich mit Martina zusammen?
Ich weiss es selbst nicht.

Lena ist völlig daneben. Ich so cool. So cool wie sie sonst ist, wenn ich meine Felle davonschwimmen seh.
"Ich liebe dich so sehr, dass ich versucht hab von dir wegzukommen", sagt sie.
Knistern in der Leitung.
"Kann man jemanden mehr lieben?"

Jetzt habe sie Sehnsucht nach mir. Sie sei so eifersüchtig. Sie wolle mich irgendwann heiraten und ein Baby kriegen. Ein Baby, kein Kind.
"Ja, das möcht ich doch auch", sag ich, vielleicht, irgendwann.
Aber jetzt will ich erstmal ein bisschen.. gucken.
Verdammt.
Ich blick nicht durch.

 

17. Juli 1985
*
Lena ist wieder zurück. Sie hat frei. Wir sind zum Schwimmen verabredet. Um zehn soll ich sie abholen, die Schwimmsachen schon dabei.
Ich werd früh wach an diesem Freitag, also geh ich früh zu ihr. Früher als abgemacht.
Halb zehn.
Als ich vor ihrer Wohnung stehe, wunder ich mich, dass ihr Rollo nicht runtergelassen ist. Ich schelle. Sie ist nicht da.
Ich steige auf den Kellerabsatz vor ihrem Fenster und guck rein.
Das Bett ist leer.
Auch das andere Zimmer sieht unbenutzt aus.

Na klasse, denk ich, und muss fast lachen. Traurig. Bitter. Höhnisch. Was ist das kaputt zwischen uns. Nicht mal eine harmlose Verabredung hält sie ein.
Ich bin ratlos. Was soll ich jetzt machen? Allein ins Freibad?
Erstmal geh ich zurück in die Stadt.

Um kurz nach zehn ruf ich Lena aus einer Telefonzelle an.
Sie ist da.
"Gut geschlafen?"
"Ja."
"Und? Wo warst du heut nacht?"
"Wie, wo war ich heut Nacht..? Zuhause natürlich."
"Wieso belügst du mich? Ich war schon bei dir, vor ner halben Stunde."
Stille.
"Na gut. Ich hab beim Uwe auf der Couch geschlafen. Ist so
spät geworden gestern. War aber ganz harmlos. Nichts
passiert."
Mir doch egal. Ich leg auf.

Kaum fünf Minuten später ruf ich erneut an.
"Ich komm jetzt."
Ich geh zu ihr.
Sie macht auf. Naja. Sie ist müde. Will sich noch etwas hinlegen bevor wir schwimmen gehen. Nach kurzem Zögern leg ich mich zu ihr. Sie holt mir einen runter. Geil und verzweifelt zugleich. Sie schläft ein.
Ich bleib wach.

Um ein Uhr weck ich sie. Sanft. Wir frühstücken und rufen uns ein Taxi. Taxi zum Schellberg.
Der Wagen lässt uns oben am Steinacker raus, von dort führt ein langer schmaler Pfad durch den Wald hinunter ins Freibad.
Unser Märchenpfad.
Wie oft sind wir den im Sommer gegangen. Überall spriessen wilde Blumen, die wie Traubenzucker riechen, dazu das Gesumme der Bienen, unter blühenden Bäumen, wie im Motodrom. Fehlt nur Dornröschen, das um die Ecke biegt und ein Ritter, der in der Hecke hängt und schnarcht.

 
"Romantisch", mein ich dazu.
"Findest du?"
Dann sagt Lena einen dieser herablassenden Sätze, für die ich sie vom Fleck weg heiraten könnte.
"Wenn ich ne dicke Kuh auf einer Wiese alles vollscheissen seh, das find ich romantisch."
Yeah! Das ist mein Mädchen. Das beim Spazierengehn immerzu auf den Boden gucken muss, damit es nicht hinfällt.
Ich heb sie hoch und wirbel sie in der Luft herum.
"He, meine Sachen..!"

Im Freibad kommen wir gut klar. Küsse am Beckenrand. Kampf ums Badetuch auf der Liegewiese, weil ich meins natürlich vergessen hab. Allerdings verdrücken wir uns nicht, wie früher, in eine der engen Umkleidekabinen, für ein paar nasse Ferkeleien im Stehen. Es passiert einfach nicht mehr.
Wir vertrocknen.
Am späten Nachmittag nimmt uns ein Bekannter mit in die Stadt. Er lässt uns vorm Mumms raus.

Diego sitzt am Tresen. Der alte Zigeuner. Lang nicht mehr gesehen. Seit dem letzten Wochenende.
Er wohnt in Köln, wo er mit amerikanischen Strassenkreuzern handelt, die er gebraucht aus den USA importiert.
"Ich bin ein Pechvogel", sagt Diego, "darum muss ich besonders clever sein."
Er schwatzt einem die letzte Schrottmöhre auf, wenn er gut drauf ist. Und wenn es darum geht, etwas zu verkaufen, ist er immer gut drauf.
Als er noch in Solingen wohnte, hat auf dem Namensschild an seiner Türklingel lange BENZINI gestanden. Benzini, das war
der müde Irre aus "Einer flog übers Kuckucksnest": Ich bin so müde. War natürlich eine hübsche Farce, Diego und müde.

Diego hat das linke Bein im Gips, Bänderriss.
"Die wollen mich fertigmachen!"
"Wer?"
"Na, meine Beine! Aber da scheiss ich drauf! Ich geb trotzdem Gas!"
Wir fahren ins Nordpol, im bordeauxroten 77er Lincoln Automatic, völlig verwohnt das Teil, aber mit integriertem Koksbesteck.

Auf der Sonnenterrasse sind eine Menge Bekannte. Lena ist weiterhin mit von der Partie, es scheint ihr zu gefallen, noch mal mit den alten Leuten zusammen zu sitzen.
Wir teilen uns einen dampfenden Champignontopf und zwinkern uns zu, die Nase verbrannt.
Dann muss sie fort, ins Nordpol, der Beerenweinschenke, ein paar Stunden kellnern, bei ihrem Uwe.
Wir verabreden, dass ich heut Nacht zu ihr komme.
Oha.

Bis dahin bin ich natürlich stratzevoll. Gegen zwei Uhr rudere ich immer an den Hauswänden entlang zu ihr. Aus einem Vorgarten pflücke ich eine kleine weisse Blume. Vielleicht eine Lilie. Keine Ahnung.
Lena öffnet verschlafen die Tür und legt sich gleich wieder hin.
Ich kitzel sie unter der Nase, mit der kleinen Blume.
Sie schreckt zurück.
"Ich will kein ausgelutschtes Kaugummi!"
Das hätte sie nicht sagen dürfen, so verschlafen sie auch sein mag. AUSGELUTSCHTES KAUGUMMI! Wie treffend.
Und dann geht – einmal mehr – die Post ab.

Wir schreien uns an. Was mir überhaupt einfällt. Platz hier mitten in der Nacht rein und beschimpf sie wegen so was blödem. Das habe sie so nicht gemeint.
Aber ich bin besoffen. Dramatisch. Und dann mach ich den Mund auf und eine halbe Stunde lang nicht mehr zu.
Ich nehme unseren Status Quo auseinander und werf ihn ihr vor die Füsse. Sie sagt gar nichts mehr. Den Blick ins Kissen gesenkt. Ich heule. Sie heult. Dieses Drecksdrama! Die Wahrheiten.

Und sie gibt mir recht. Dass beim Küssen und beim Sex die Leidenschaft verloren ist, dagegen können wir uns noch so wehren – das ist so. Dass wir beide Angst davor haben, ohne den anderen zu sein, weil es so tief ist zwischen uns, dass aber kein Weg mehr daran vorbeiführt. Und dass dies alles schon lange in der Luft liegt.. und irgendwann schlafen wir ein, bei sperrangelweit geöffnetem Fenster.

Wie immer werd ich vor ihr wach. Geh ins Bad und brause meinen Schädel ab, unter eiskaltem Wasser. Zieh mich an.
Wecke sie.
"Ich muss jetzt gehen."
Hab Tränen in den Augen. Der Abschied.
Der x-te Abschied.
"Das ist aber doch jetzt kein Abschied", sagt Lena leise, mehr flehend als feststellend. Ich weiss nicht.
Ich gehe. Pflücke vor ihrem Fenster eine Blume. Wefe sie in ihr Zimmer. Bleib einen Moment stehen. Warte. Sie kommt ans Fenster. DRAMA.
"Andi", sagt sie.
Ich schlage die Hände vors Gesicht. Und gehe. Gehe. Gehe.
Gehe.

Als ich nach Hause komm, geht das Telefon.
Ich bin froh, dass sie es ist.
Wir machen ab, dass wir uns eine Weile wirklich in Ruhe lassen.
"Aber nur einen Augenblick", sagt Lena.
Ja. Nur einen…Augenblick.

*

500 Beine

 

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  1. 11. Januar 2010, 11:27 | #1

    Bin immer wieder überrascht,
    welche Geschichten den Lesern am besten gefallen.
    Dass ausgerechnet diese hier zu deinen Liebl-Stories gehört,
    also eine 110%-authentische..
    das ist schön.

  2. 5. Februar 2010, 11:24 | #2

    Und auch bei Andreas Glumm ist nun unser schönes Hobby Geocaching angekommen:
    http://glumm.wordpress.com/2010/02/03/sucht-ihr-was-bestimmtes/
    Und wir kommen sogar noch ganz gut weg: “Ich Blogger, das Logger. Toll.”

    Gruß Georg

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