Noch eine Story vom Glumm…
Vor kurzem habe ich ja das 5-jährige Bestehen von 500beine erwähnt. Da gibt es eine Story, die ich hier außerdem noch einmal hervorheben mag. Hängt sie doch so sehr mit meiner Heimat, dem Ruhrgebiet zusammen. Ich komme zwar nicht aus Gelsenkirchen, ich bin auch kein Schalke (kein Fußball)-Fan, aber ich glaube dennoch, dass niemand der hier geboren ist, nicht ein bisschen Kohle, Stahl und Schalke 04 im Herzen trägt (Ja, Ja, auch Dortmund, Duisburg, Oberhausen, Essen und Bochum liegen im Pott, aber die haben nichts mit der Story hier zu tun):
Schalke – Eine Cohiba, Herr Stan!
.. war hier schon mehrfach drin, ich kann nichts dafür, ist irgendwie mein Lieblingstext. Als tippten mir die Sätze alle paar Monate auf die Schulter, he, hier, das da, dein Leben.
*
15. September 88.
Als ich wach werde bin ich so groggy, dass ich eine dreiviertel Stunde auf dem Bettrand hocke und dumpf ins Nichts stiere. Der Schädel dröhnt wie ein Moped in einem langen leeren Tunnel. Das Telefon klingelt. Ich lass es klingeln. Bis mir einfällt, Moment, ich hab Geburtstag. Da will jemand gratulieren. Vielleicht ist es die Gräfin. Und wenn nicht? Ich hab keine Lust zu quatschen. Ich hab nichts drauf. Ich stinke aus dem Hals.
Erst mal Kaffee. Ich sitz am Küchentisch. Da liegt das Notizbuch.
‘Wenn man mit zehn Minuten Gutdraufsein am Tag auskommen muss’
entziffere ich als letzten Eintrag. Wie zwischen dem zehnten und dreizehnten Bier sieht das aus.. Oder nach dem vierten 103er. Ist auch egal. Für zehn Minuten muss ich jedenfalls nicht zuhause bleiben.
Die zehn Minuten kann ich auch woanders gut drauf sein.
Für mich alleine. Wo ich schon immer mal hin wollte: Auf Schalke.
Der Heimat der Idole meiner frühen Jugend: Stan Libuda (An Gott kommt keiner vorbei, außer Libuda) und Norbert Nigbur, dem Torhüter mit den Nasenlöchern wie aus der Steckdose und Fäusten unter Strom. (Ich bewache wild, wild mein Haus!)
Das Telefon klingelt. Ich muss hier raus.
Mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf. Von da aus um 12 Uhr 24 weiter nach Gelsenkirchen. Mit achtundzwanzig Jahren das erste Mal nach Schalke. Da soll es Kneipen geben, wo das Bier noch ne Mark kostet, und Stan Libuda, der legendäre Rechtsaußen, verkauft Zigarren in seiner Lotto-Annahmestelle.
Hoffentlich erwische ich meine zehn Minuten Gutdraufsein, wenn ich in seinen Laden marschiere.
“Eine Cohiba, Herr Stan!”
“Ich bin ein genauso versoffener Hund wie du”, meint ein Pfeife ziehender, wackeliger Penner, die Nase jodverschmiert, in der Schalterhalle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zum anderen Penner, der eine Fahne kalter Scheisse hinter sich herzieht.
Ich glaub, ich trinke heute lieber mal kein Bier.
Wo ist denn hier ein Telefon, verdammt!? Damit ich im kommenden Winter ein Paar feste Schuhe an den Füßen hab, war mit meiner Mutter eigentlich ein kleiner Einkaufsbummel abgesprochen.
Ich rufe sie vom Bahnsteig aus an.
“Mutti”, sag ich, “ich bin unterwegs nach Schalke.”
“Schalke..? Wieso? Ist da heute ein Spiel? ”
“Nee. Nur so. Ich fahr nur so dahin. ”
“Dann fall nicht unter die Räuber, Junge. Und kauf dir nicht wieder Fußballschuhe!”
Im Nahverkehrszug nach Gelsenkirchen über Duisburg-Meiderich, zweite Klasse, Raucherabteil. Ich klappe den Aschenbecher auf, und ein Wölkchen Qualm stößt mir ein Geburtstagsständchen in die Augen.
Bei jedem Halt rollt eine leere Bierdose durch das Abteil.
Kein Schaffner hält es für nötig, mich zu kontrollieren, dabei bin ich heute doch ausnahmsweise mal zu gültig.
“ZUGESTIEGEN JEMAND!?”
Da ist er schon.
Das wurde aber auch Zeit.
In Oberhausen steigt ein Kerl zu, gegerbte Haut, leichtes Reisegepäck. Er erzählt gleich, dass er das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Oberhausen gewesen sei, auf einer lahmen Geburtstagsparty.
“Was ist bloß aus dem Ruhrgebiet geworden?” meint er bedauernd, er lebt mittlerweile in Saarbrücken. “So eine scheiß Party.”
Als er aussteigt, rollt die Bierdose in die andere Ecke.
In Gelsenkirchen finde ich Schalke nicht. Den Stadtteil. Bin wohl mit dem Linienbus einfach durchgefahren. Also wieder zurück mit demselben Bus.
Dieses Mal frage ich beim Fahrer nach, wo ich raus muss.
“Wo willste denn hin, Jung?”
“Na, zum Stadion.”
“Zum Parkstadion?”
“Nein, zum altem Stadion. Zur Glückaufkampfbahn.”
“Glückauf..? Wat willste denn da, Jung? Ist da heut Training?!”
“Nee. Nur so.”
“Nur so? Wie, nur so!? Ist doch total tote Hose da!”
Auf zwei Pils ins Schalker Vereinsheim. Frau Wirtin ist nicht gut zu sprechen auf einen der beiden Gäste. Der hat nämlich einen im Kahn und will immerzu singen und sucht sein Pilsken.
Dann gibt er eine Lokalrunde.
“Mutter..”, meint er zur Wirtin, aber die hört das nicht gern.
“Da vorn ist die Tür, da schubs ich dich gleich raus”, droht sie.
“Wenn Schalke verliert, geh ich sowieso nach Hause”, lallt er.
“Schalke spielt erst Samstag, willst du so lang hier bleiben!?”, verdreht Frau Wirtin die Augen und bringt mir ein Pils.
“Is dat Steno?” meint sie mit einem kurzen Blick auf mein Notizbuch. “Kann doch kein Schwein lesen.”
Das einzig Blau-Weisse in Gelsenkirchen-Schalke ist ein Tanklastwagen von ARAL, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle.
“Mein Gott, nee! Ich brauch doch nich zu betteln für ein klein Bierchen, hab ich nich nötig!” (Kriegt kein Bier mehr, verlässt Vereinsheim.)
Ich auch.
Schalke. Das Stadtviertel. Kleine schmutzige Backsteinhäuschen. Türkischer Junge im königsblauen Trainingsanzug humpelt vorüber. Sonst ist niemand zu sehen auf der Strasse.
Ein paar Graffitis.
SATANSPENIS
WIR FERWESEN IN BLOCK II
Hinter der Arbeitersiedlung endlich das alte, verrottende Fußballstadion, die Glückaufkampfbahn. Ein einziges Schild weist auf die Legende hin. Ist auch besser so. Ist ja kein Touristenziel. Die Tore sind verschlossen. Ich klettere über einen Zaun und finde mich auf der Gegengerade wieder.
Zwischen den Stufen wuchert Unkraut. Ich latsche über den gut erhaltenen Rasen rüber zur Tribüne. Höre dreißigtausend Knappen “SCH-ALLL-KEE” brüllen. „SCH-ALLL-KE!“
Erwin Kremers nimmt Anlauf zum Freistoss
- ERRRRWIEEENNNN! -
Pfosten!
Ehrlich gesagt, ich hör gar nichts. Null. Niente. Eine leere Spielstätte, zudem kaum noch genutzt, ist keine Ruhmesstätte.
Schalke ist nicht Wembley.
Schalke ist Gelsenkirchen.
Ich hab ja nicht mal ein Touristenvisum.
Ich nehm Platz auf der Ehrentribüne. Links die Stadtautobahn nach Bochum, unter mir dunkelrot lackierte Sitzplätze, mit dicken Schichten Staub und Geröll überzogen.
Die Gitter zwischen Spielfeld und Rängen sind ausnahmslos niedergerissen. Eine einzige Reklametafel ist übrig geblieben: AFRI-COLA.
200 METER ZUM BLOCK II – ASIS UNERWÜNSCHT
TÜRKEN UND SCHWULE AN DIE WAND
Ein paar Minuten bleibe ich sitzen, einfach mal sitzen und denken, verdammt – aber es will sich keine Ehrfurcht einstellen. Trotz der vielen Spiele, die der Schalker Kreisel hier gespielt hat.
Spiele, gespielt, jucken nicht. Jucken niemanden.
Als ich aufstehe, um das Stadion zu verlassen, steht in der Kurve plötzlich dieser Mann. Erregter Mann. Eine Art Platzwart.
“JA, WAT IS DAT DANN?!” brüllt er, die unvermeidliche Töle an der Leine. “GANZ SCHNELL RUNTER DA, MÄNNEKEN! DAT WOLLN WIR HIER ERS’ GAR NICH ANFANGEN, WOLL!?”
In aller Ruhe latsche ich zurück über den Rasen. Ich bin 28 Jahre alt. Das ist heiliger Rasen. Hoffentlich hält er die Töle fest.
Ich steige die Stufen der Gegengerade hoch und verschwinde wie ich rein gekommen bin:
Über den Zaun.
Vor der Glückauf-Kampfbahn kniet ein Junge auf dem Radweg. Er öffnet vorsichtig eine Portionspackung Kaffeesahne, neben ihm wartet schon ein Kätzchen.
Unter der Autobahnbrücke Richtung Bochum ist ein Getrommel in Gange, als säße ein einsamer Stadtschlagzeuger in den zementierten Zwischenräumen, doch als ich genauer hinhöre, ordne ich das monotone Geräusch den ARAL- Lastwagen zu, die über die Brückennähte rollen.
Ein wütend hin gerotztes Graffiti: PILS UND ATEMNOT!
Auf dem Weg aus Gelsenkirchen-Schalke hinaus dribble ich eine leere Colabüchse durch die abgewetzte Reihenhaussiedlung. Ich seh Kissen, die auf Fensterbänken bereitliegen für Ellbögen – und hier scheint jeder seinen eigenen kleinen Garten zu haben, mit Sonnenblumen, die sich vor mir verneigen wie gelbe Richtmikrofone.
Ein Junge steht auf der Haustreppe und fragt seinen Laub fegenden Vater:
“Heute ist Donnerstag, ne?”
Der Vater stützt sich auf den Besen, guckt, und steckt sich eine Camel an.
Camel ohne.
Ich lande in Gelsenkirchen-Hessler, in einer anderen Vereinskneipe. FC Olympia Hessler 63. Frohe Botschaft Hessler!
“Wann ist Schalke eigentlich zum letzten Mal Meister geworden?” frage ich die Männer am Tresen.
“58, glaub ich.”
Genervt vom Rumstiefeln und angeschlagen vom Suff der letzten Tage fühle ich mich fiebrig, ohne dass Fieber wirklich austritt.
Auf dem Boden der Kneipe entdecke ich einen kleinen gelben Plastikwassernapf für Mini-Hunde, und ich bin tief gerührt; siebenundzwanzig Lebensjahre sind um.
Ich habe Geburtstag und bin in Gelsenkirchen. Ich sehne mich zurück in die Zeit, als ich samstagnachmittags am Kofferradio von Telefunken den Bundesliga-Reportagen gelauscht hab: Kurt Brumme.
Wenn Stan Libuda zum Tanz aufspielte.
Moment! Wo ist eigentlich dem Libuda seine scheiß Zigarrenbude? Und wieso ist der FC Olympia Hessler nicht berühmt geworden?
Wieso der FC Schalke?
Die Männer am Tresen haben sich zum Skat niedergelassen.
“Hat der die Herz Zehn! Leck mich am Arsch!”
Schnäpse werden als “Schweinchen” geordert.
“Manni, bring noch fünf Pils!”
“Schweinchen dabei?”
“Sicher.”
“Fünf?”
“Jawoll, fünf. Und wat is mit dem Käffchen fürn Heinz? Schon durchgeträllert, Manni?”
Am Tresen ist außer mir nur ein Jeans-Held übrig geblieben, mit klobigen Beinen. Die haben auch mal Fußball gespielt. Aber die Gesichtshaut.. die ist so rein. Und hör mir auf mit Männern mit reiner Gesichtshaut. Die sind höchst verdächtig.
(Eine reine Haut zu haben.)
(Dann lieber klobige Beine.)
Aber doch nicht beides!
Mehrmals tut der Betrüger kund, wie sehr ihm “Mercedes Benz” von Janis Joplin gefalle.
Das läuft nämlich gerade im Radio.
“Einfach a-capella is dat! Dat is super!”
“My friends all drive Porsche”, summt sogar der Wirt mit, und mir schlafen die Füße ein.
Rückfahrt über Düsseldorf. Überall müde Donnerstagsmenschen. Mir gegenüber sitzt ein Schulmädchen. Sie entnimmt Süßigkeiten aus ihrer Bonbontüte, die sie nach jeder Entnahme wieder ordentlich verschließt. Selbstvergessen untersucht sie einen Insektenstich an ihrem Ellbogen, reibt ihn mit Düsseldorfer Speichel ein. Als sie einen sauren Drop erwischt, verzieht sie die Mundwinkel.
In drei Tagen hat die Gräfin Geburtstag. Eigentlich wollte ich ihr ein kleines blaues Nachthemd bauen, als Geschenk. Ich liebe es, wenn sie abends im Nachthemd durch die Wohnung huscht.
Ich ruf sie später an.
Um zehn Uhr abends bin ich zurück in Solingen. Vorm Hauptbahnhof schlummern die Taxis in kurzer Reihe.
“Zum Mumms”, sag ich zum Fahrer. Ich kenn ihn von früher. Vom Sehen. Bauernfeind? Hiess der Blödmann nicht Bauernfeind?
“Mumms?” fragt er verwundert. “Da ist doch tote Hose, donnerstags.”
Der soll die Klappe halten und Taxi fahren.
Das Mumms ist mein Wohnzimmer, es sind lauter Bekannte da.
Weil mein Kugelschreiber leer ist und ich einen Satz notieren will, leih ich mir von Marina, der Zapferin, einen Stift.
Der hat eine rote Mine.
“Ich hätt auch gern so einen Kuli mit roter Mine”, sag ich zu Karlos, der schon ziemlich hinüber ist, neben mir am Tresen.
“Ich kann dir meine rote Fresse leihen”, lallt er.
Ich bin wieder zuhause.
